Queerfamily

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Elternsprechtag. 2 Elternpaare finden sich zum Plausch mit der Lehrerin im Klassenzimmer einer Berliner Grundschule ein. „Patchworkfamilie“, denkt sich die aufgeklärte Lehrerin und bittet die beiden Paare sich zu setzen. Bis sich plötzlich die zwei Väter nebeneinander setzen, Händchen halten und sich liebevoll einen Kuss geben. Verwirrung. „Queerfamily“, sagt daraufhin einer der Mütter mit grinsendem Gesichtsausdruck. Was das genau ist, versuche ich in einem kurzem Interview mit dem werdenden Vater Roman zu verdeutlichen.

Steven: Du wirst Vater. Was ist das für ein Gefühl?

Roman: Es spielen sich mehrere Gefühle gleichzeitig ab. Man fühlt sich froh, als ob man etwas wichtiges begonnen hat, aber gleichzeitig auch ungewiss darüber, wie sich alles entwickeln wird. Manchmal kann ich es gar nicht richtig begreifen.

Steven: Wolltest Du schon immer Kinder? Und wer ist auf die Idee gekommen eine lesbische Bekannte zu fragen ob sie „dein“ Kind austrägt? Wie sind eure beiden Partner/ Partnerinnen damit zurecht gekommen? War das eine Gemeinschaftsentscheidung?

Roman: Mir war irgendwie schon während meiner Pubertät klar, dass ich mal Nachwuchs möchte. Ich kann mich erinnern, dass ich mir damals vorgestellt habe,wie es wäre, eine Tochter zu haben. Auf die Idee, es mit einem lesbischen Paar zu versuchen, bin ich gekommen, weil ich keine andere praktikable Möglichkeit für meine Situation gesehen habe. Mein Freund André ist damit gut zurechtgekommen. Anfangs war er etwas unschlüssig, aber das ist jetzt einer frohen Erwartungshaltung gewichen. Ich habe André vorher gefragt, ob er etwas dagegen hätte. Es war also schon so, dass ich ihn in die Entscheidung weitgehend miteinbezogen habe. Das lesbische Paar kommt ganz gut mit der Situation zurecht. Sie freuen sich schon sichtlich auf das kleine Mädel und denken schon über Namen nach.

Steven: Habt ihr euch schon Gedanken darüber gemacht wie ihr das mit der Erziehung macht? Wer wird eure Tochter wann sehen? Wer entscheidet wichtige Dinge in Ihrem Leben?

Roman: Ich werde meine Tochter regelmäßig sehen, aber das meiste werden ihre Mamis übernehmen. Alle Details haben wir noch nicht geklärt. Teilweise fahren wir auch nur auf Sicht, weil es für uns alle neu ist und wir keinen genauen Masterplan haben. Es ist nicht gerade so, als ob einem für diese spezielle Situation viele Rollenbilder zur Verfügung stehen. Deshab versuche ich, mit dem lesbischen Paar eine Vertrauensbasis zu schaffen und zu vergrößern, um alle eventuellen Probleme einvernehmlich lösen zu können. Die beiden sind ja auch kein fester Block,d.h. mal bin ich vielleicht mehr mit der leiblichen Mutter, mal auch eher mit der Co-Mutter einer Meinung. Die leibliche Mutter wird wahrscheinlich etwas strenger sein und die Co-Mutter der Tochter wiederum mehr erlauben. Ich würde wahrscheinlich auch in die zweite Kategorie fallen aus jetziger Sicht. (lacht)

Steven: Wie ist denn die Beziehung zur Mutter und ihrer Partnerin? Siehst Du sie als Freundinnen an? Seht ihr euch des öfteren? Und wirst Du bei der Geburt dabei sein?

Roman: Bisher war es so, dass wir uns alle paar Wochen getroffen haben, anfangs, um das ganze „Projekt“ zum laufen zu bringen. *lacht* Und jetzt, um uns besser kennen zu lernen. Außerdem will ich ja immer wieder erfahren, was die aktuellsten ärztlichen Untersuchungen ergeben haben und ob der Nachwuchs gesund ist. Bisher ist zum Glück alles super. Ich habe mir für die Zeit der Geburt nichts vorgenommen, werde im Sommer also nicht verreisen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, dabei zu sein, würde ich das gerne tun. Aber ich respektiere dabei zu aller erst, was Andrea* und Nadine* (*Namen geändert, Anmerkung der Redaktion) wollen. Wenn ich mich zu sehr aufdränge, könnte ich sie vielleicht in die Zurückhaltung drängen. Ich versuche die richtige Balance zu finden zwischen dem, was ich gerne hätte und dem, was die beiden gerne hätten. Ich mag beide. Sie sind witzig, man kommt schnell mit ihnen ins Gespräch, und sie wollen auch, dass das Kind seinen Vater kennt und dass ich einen Anteil am Leben des Kindes habe.

Steven: Das heißt Du hast sie erst kurz vorher kennen gelernt? Was ist wenn ihr euch nicht versteht? Wie habt ihr die Zeugung gemeistert? Hattet ihr richtigen Geschlechtsverkehr, oder hat sie dein Sperma lediglich eingeführt?

Roman: Ich habe die beiden Anfang vor knapp einem Jahr kennen gelernt über eine Annonce. Seit Jahren habe ich danach Ausschau gehalten, aber es ist recht selten, und in einem Monat habe ich dann gleich 2 Paare kennen gelernt und mich dann später für eines entschieden. Die Zeugung ist mit der Becher-Methode vonstatten gegangen, da künstliche Befruchtung im Labor viel zu kostspielig ist und – wenn ich mich korrekt erinnere – es in Deutschland auch nicht erlaubt ist bei unverheirateten Paaren. Und eine Scheinehe wollte ich dafür nicht eingehen. Die Becher-Methode ist die günstigste, und wenn man keine Vorbelastungen hat, ist es auch die einfachste. 4 Versuche waren nötig, bis es geklappt hat. (Also 4-5 Monate) Das wir uns plöttzlich nicht mehr gut verstehen, kann ich mir nicht vorstellen. Man kann nicht für jede Eventualität vorplanen. Aber ich bin bereit, Kompromisse zu schließen, und die beiden auch. Das dürfte die Wahrscheinlichkeit verringern, dass wir uns zerstreiten.

Steven: Wissen eure Eltern davon das ihr nun zu viert Eltern werdet? Was haben eure Bekannten und Freunde dazu gesagt? Gab es da unterschiedliche Meinungen?

Roman: Meine Eltern wissen seit 2 Monaten davon. Ich hatte im November erfahren, Vater zu werden, wollte aber 3 Monate abwarten, bis ich es meinen Eltern erzähle.Ich wollte ihnen keine falschen Hoffnungen zu machen und zudem die Anfangszeit abzuwarten, in der die Schwangerschaft noch am ehesten schief gehen kann. Außerdem hatte ich auch irgendwie Angst, es ihnen zu sagen und musste mehrmals nach dem richtigen Moment Ausschau halten. Das kann einem echt schwer fallen. Meine Eltern haben gemischt reagiert.
Meine Mutter hat sich freudig gezeigt und mir den Rat gegeben, immer Zurückhaltung zu üben und auf die beiden zuzugehen. Sie ist Anwältin und weiß daher aus erster Hand, dass es für meine Spezialsituation noch keine Gesetze gibt. Somit kann ich auch nichts einklagen. Mein Vater war mehrere Tage geschockt und fragte mich, ob ich es für Geld gemacht habe. Natürlich habe ich dies nicht, was ihn noch mehr erstaunte. Er fragte sich besorgt, wie er das nur seiner russischen Verwandtschaft beibringen soll. Die wissen ja noch nicht mal, dass ich seit fast 10 Jahren in einer schwulen Beziehung lebe. Und Russland ist generell nicht die toleranteste und verständnisvollste Gegend, was Homosexualität betrifft. Andere Verwandte wissen es noch nicht, dafür aber so ziemlich alle meine Freunde.

Meine Bekannten haben es alle begrüßt und freuen sich sehr. Mein bester Freund hat mir aber auch gleichzeitig zur Vorsicht geraten, auf dass ich nicht zu blauäugig an die Situation herangehe. Ich bin für beide Positionen dankbar, denn ich brauche sowohl Rückhalt in meiner Entscheidung, als auch Warnschilder, um Fehlentwicklungen entgegen zu wirken.

Was nicht so leicht werden könnte, sind Fragen der Gesundheit des Kindes. Da bin ich ziemlich rigoros und muss vielleicht etwas zurückschalten. Ich würde zum Beispiel nur ungern sehen, dass meine Tochter sich später Fastfood und Fertigprodukte rein stopft. Auch denke ich, dass es die Kindesentwicklung zurückwirft, wenn der Fernsehkonsum zu stark wird und weiß auch nicht, ob ich gerne hätte, dass die Tochter bestimmte Impfungen erhält, denen gegenüber ich im Bezug auf das Risiko-Nutzen-Verhältnis skeptisch bin (Gebärmutterkrebs-Impfung Gardasil z.B.). Es kann sein, dass es dabei unterschiedliche Ansichten geben wird. Und genau da muss ich kompromissbereit bleiben. Mit dem Kopf durch die Wand bringt mir da gar nichts.

Steven: Denkst Du die Gesetze in Deutschland müssten für solche Fälle geändert werden und die Rechte der Schwulen und Lesben in solchen Spezialfällen gestärkt werden?

Roman: Ja, die Gesetze sollten auf jeden Fall geändert werden. Zum einen sollte fair geregelt werden, dass wenn sich ein schwules und lesbisches Paar oder generell ein Schwuler oder eine Lesbe darauf einigen, dem Wunsch nach Nachwuchs nachzugehen, dass auch beide später regelmäßig Kontakt zum Kind haben können. Außerdem ist es mit dem Unterhalt nicht richtig geregelt. Wenn z.B. ein Schwuler einem lesbischen Paar beim Nachwuchswunsch hilft, wäre es unfair, wenn der Schwule dafür Alimente zahlt, obwohl das Kind zwei Vollzeiteltern in der lesbischen Beziehung hat. Wie auch immer, es gibt so viele Varianten und Situationen, dass es generell Regeln braucht für Erziehungsberechtigte, für das Sorgerecht, für den Unterhalt, bei grundlegenden Erziehungsfragen und ähnlichem. Außerdem ist in Deutschland noch immer nicht die Adoption für homosexuelle Paare erlaubt. Das ist Diskriminierung.

Steven: Denkst Du die Gesellschaft ist schon bereit für solche Queerfamilys? Hast Du Angst davor das deine Tochter im Kindergarten oder der Schule durch 2 Elternpaare gehänselt werden könnte? Was sagst Du ihr dann?

Roman: Ich denke, dass die Gesellschaft an der Schwelle dazu steht, bereit für Patchwork- und Queerfamilys zu sein. Es gibt aber keinen Grund, abzuwarten, bis auch noch der konservativste Mensch in Deutschland damit kein Problem mehr hat, denn ich denke, dass mein Kinderwunsch schwerer wiegt als die Frage, ob jemand pikiert darauf reagieren könnte.

Zudem muss unsere Gesellschaft dringend wieder kinderfreundlicher werden. Dazu gehört, dass Kindertagesstätten überall vorhanden sein müssen, dass Kinder kostenloses Essen und später Schulmaterial bekommen, dass die Schulbildung und spätere Hochschulbildung Freiraum zur eigenen Entwicklung und Kreativität lässt und dass Kinder nicht danach selektiert werden, ob sie von reichen oder armen Eltern kommen. Denn das ist Sozialdarwinismus – eine Geißel, die gerade wieder auflebt, nachdem sie 60 Jahre lang (zurecht) auf dem Müllhaufen der Geschichte lag.

In manchen Dingen muss man auch vorangehen und die Realität selber gestalten und fortentwickeln. Ich habe ehrlich gesagt keine Sorge, dass meine Tochter gehänselt werden könnte. Studien im Ausland und auch aus Deutschland zeigen zwar, dass solche Hänseleien stattfinden, aber auch, dass die Kinder in der Regel psychisch stark genug sind, ihre Eltern zu verteidigen und sich selbst als eine normale Variante von Familie zu betrachten.

Natürlich werde ich aber auch helfen, wenn ich kann, um dem Kind die nötige Kraft und vielleicht ein paar gute Worte mitzugeben, um sich zu verteidigen, falls es sein sollte. Aber wie gesagt, diese Befürchtung ist meist übertrieben, wie die Studien es zeigen. Kinder aus schwul-lesbischen Familien sind meist sogar später psychisch stabiler und toleranter. Es spielt keine Rolle, in welcher Konstellation ein Kind aufwächst, solange es viel Liebe und Zuneigung erhält.

Steven: Danke für das Interview. Haltet mich auf dem Laufenden! Dem Kind und euch alles erdenklich Gute!

(Interview vom 04.04.2010, Erstveröffentlichung bei seidu.de)

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