Der Mythos „Opa“ bröckelt

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Es ist schon seltsam, wie ich meinen Opa in Erinnerung habe und wie er aller Voraussicht nach in Wirklichkeit war. Als Kind war er der tollste Opa, den ich mir vorstellen kann. Er war mit mir angeln, hat mich Johannisbeeren pfücken lassen und hat sie danach gezuckert. Vor dem Schlafen gehen durfte ich mir vor dem Zähne putzen immer ein Bonbons aus einer kleinen Kristall-Bonboniere nehmen, die ich heute immer noch besitze. Vor dem Einschlafen hat er mir immer den Rücken gekratzt, auch wenn ich dann später auch seinen Rücken kratzen musste. Die Zeit war dennoch ganz klar auf meiner Seite, da ich ungefähr nur ein Viertel der Zeit seinen Rücken kratzen musste. Das einzig doofe an meinem Opa waren die feuchten Knutscher, die er mir zu jeder Gelegenheit gab. Opas halt.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich ab und zu die Bierreste seiner Bierflaschen leer getrunken habe. Als Kind war das natürlich absolute Rebellion und Tageshighlight, weil es verboten war. Nie im Leben habe ich mir damal träumen lassen, dass etwas mit meinem Opa nicht in Ordnung ist. Er war Alkoholiker, wie er im Buche stand. Als 3-6 jähriges Kind merkt man das allerdings nicht, bzw. kann es nicht zuordnen, warum sein Opa sich merkwürdig benimmt und ins Bett schwankt.

Das einzige was ich noch von meinem Opa besitze sind ein paar vergilbte Photos, sein Taschenmesser und sein Gebiss. Ja, sein Gebiss. Als er gestorben ist und wir die Überreste seines privaten Besitzes mitnehmen mussten, habe ich eben dieses in einem gelben Sack gesehen dass die Schwester gerade wegschmeißen wollte. Aber ist das nicht schrecklich? Mein Opa hat das so viele Jahre bei sich getragen und nun soll es einfach achtlos weggeschmissen werden?

Viele Leute finden das pietätlos und finden dass ich das endlich entsorgen sollte. Aber mich erinnert es an meinen Opa. Es steht im Übrigen jetzt auf meiner Spardose. Zuerst wollte ich einen Schlüsselanhänger daraus machen, aber da muss ich zugeben das es doch schon ein bisschen geschmacklos wäre.

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