Aufgeschoben

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Das Leben ändert sich unaufhörlich. Jeden Tag. In jeder Bewegung. In jedem Atemzug. Veränderung ist der Pulsschlag des Lebens. Der Impuls, der ein Leben lebenswert macht. Es hat sich so viel verändert in den letzten Wochen. In meinem Leben. Im Leben anderer. So kommt es mir zumindest vor. Eigentlich ist nicht viel nennenswertes passiert. Aber dennoch fühle ich mich anders. Nehme Dinge anders wahr. Gehe mit gewissen Menschen anders um. Manchmal fühle ich mich sogar als ob ich mich anders bewege.

Was passiert ist? Ich habe mich verändert. In eine Richtung verändert, in die ich nicht gehen wollte. In den letzten Monaten habe ich einige Menschen behandelt als seien sie Luft. Habe mir die Menschen heraus gepickt mit denen ich was machen wollte, und die Menschen vernachlässigt mit denen ich nicht sprechen wollte. Vielleicht weil sie unangenehm sind und Überwindung kosten. Vielleicht weil ich ihre Probleme nicht hören wollte. Vielleicht weil sie langweilig sind. Vielleicht aber auch nur weil ich mich nicht getraut habe ihnen entgegenzutreten. Und warum? Egoismus. Ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt dass ich andere Menschen nur noch getrübt wahrgenommen habe. Ich bin nicht mehr richtig auf ihre Gefühle eingegangen, weil ich selbst zu viel mit mir selbst zu tun hatte.

Warum denken eigentlich immer alle ich sei melancholisch? Auch „traurig“ habe ich in den letzten Wochen sehr oft gehört. Ich bin nicht melancholisch, und erst Recht nicht traurig. Dies ist ein verdammt – verschissen – fröhlicher Eintrag! Wie kann man auch anders bei diesem herrlichen Wetter. Ich war sehr oft am See und bin mittlerweile richtig braun, habe einen Freund wieder kennen lernen dürfen nachdem ich ihn 4 Jahre kaum gesehen habe. Außerdem haben alte Bekannte aus meiner ehemaligen Heimatstadt Gransee (Brandenburg) meine Eltern besucht, was einen in Erinnerungen schwelgen lässt. Wie unbeschwert mir diese Zeit im Nachhinein doch vorkommt.

Ich kann mich noch ziemlich genau an den Tag der Grenzöffnung erinnern. Vormittags war ich in der Schule, dann kam diese berühmte Rede im DDR Staatsfernsehen dass die Grenzen geöffnet werden. Nachmittags waren wir unterwegs ins Nirgendwo. Ich habe nicht einen meiner Freunde wieder gesehen. Bis heute nicht. Aber ich spiele mit dem Gedanken Kontakt mit einem Jungen aufzunehmen, von dem man sagt, dass es mein bester Freund war damals. Er soll jetzt Medizin studieren, und sich auch ansonsten gut entwickelt haben. Aber was soll ich ihm schreiben? „Hallo, ich bin Steven. Vor 17 Jahren wurde ich aus meinem Leben gerissen und gezwungen woanders sesshaft zu werden. Außerdem bin ich schwul.“ Nein, so geht das nicht.

Aber dass ich mich bei ihm melden möchte spukt schon seit Jahren in meinem Kopf herum. Und ich habe Angst, dass ich es niemals machen werde. Bald kommt mein Freund aus Spanien zurück, wo er fast ein Jahr lang studiert hat. Er wird nach Dresden zurück ziehen, wo er Architektur studiert. Das wäre dann auf dem Weg. Aber zuerst werde ich ein paar Wochen mit ihm genießen bevor es dann wieder ans Lernen und Arbeiten geht. Mein Leben ist das reinste Chaos. Wohin mich mein Weg wohl führen wird?

Und wieder ändert sich das Leben unaufhörlich.

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